Stefan Reuß. Unser Landrat.

Ansprache anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Werra-Meißner-Kreises am 26. März 2014

Ansprache

anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Werra-Meißner-Kreises

am

26. März 2014

Anrede

Als im Jahre 1821 der Landkreis Witzenhausen durch kurfürstliches Organisa­tions­edikt und 1822 der Landkreis Eschwege im Kurfürstentum Hessen ge­gründet wurde und dann 1866 durch Annexion als Folge des Deutschen Krieges preußisch wurde, hätte sicherlich niemand gedacht, dass daraus 1974 einmal der Werra-Meißner-Kreis entstehen würde.

40 Jahre sind seitdem vergangen, dass wir uns als ein Landkreis fühlen und als ein Landkreis verstehen. Zweifellos die beginnende Gebietsreform und die Diskus­sionen darüber ab 1972 haben in Hessen, aber insbesondere auch bei uns in der Region um Werra und Meißner, nicht unerhebliche Spuren hin­ter­lassen. Gut Ding braucht Weil, so könnte man feststellen. So sicherlich auch das Zusammenwachsen von bisher eigenständigen Landkreisen zu ei­nem neuen Gebilde. Nach 40 Jahren hat sich innerhalb des Werra-Meißner-Kreises viel verändert. Natürlich ist heraus­hebend und herausragend eines der wich­tigsten Ereignisse 1989. Durch die Grenz­öffnung und den Fall der Mauer vor nunmehr 25 Jahren entstand eine ganz neue Situation und eine ganz neue  geografische Lage für den Werra-Meißner-Kreis. Bis dahin abgeschottet an der ehemaligen Zonenrandgrenze, manchmal auch als Niemandsland be­zeichnet, hat sich sehr viel verändert. 25 Jahre Wiedervereinigung bedeuten auch, dass sich der Landkreis seit 25 Jahren in der Mitte Deutschlands befin­det und somit eine geopolitisch andere Herausforderung zu bewältigen hat. Diese Aspekte fallen uns natürlich auch bei einem 40-jährigen Jubiläum immer wie­der ein, wenn es darum geht, die Entwicklung der Region, die wirtschaft­lichen Stärken, aber auch Schwächen, zu beschreiben.

Heute wollen wir unser 40-jähriges Jubiläum feiern und dies vor allen Dingen zum Anlass nehmen, herzlichen Dank zu sagen, herzlichen Dank den Bürge­rinnen und Bürgern des Werra-Meißner-Kreises, den vielen Institutionen, Or­ganisa­tionen und Vereinen zu danken für ihr vielfältiges Engagement, das sie für diese Re­gion und damit für ihre Heimat erbracht haben. Es ist eine nicht unerhebliche Verän­derung eingetreten, die uns immer wieder zu An­passungen herausfordert. Wir wol­len heute nicht über die wirtschaftlichen Schwächen des Landkreises klagen, wir wollen auch nicht über den demogra­fischen Wandel all zu viele Worte verlieren, weil uns die Problemlagen zwei­fellos bekannt sind. Vielmehr gilt es herauszuheben, dass wir uns selbst auf den Weg gemacht haben, unsere Zukunft in die eigene Hand zu nehmen und entsprechende Voraussetzungen schaffen, um den Menschen, die hier le­ben, eine gute Per­spektive, eine gute Lebensqualität zu bieten. Dazu ist es erforderlich, noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Schönheiten unserer Natur, die Schönheiten der Region, die vielen interessanten, auch geschichtli­chen, Aspekte, täuschen natürlich nicht darüber hinweg, dass die Zukunfts­perspektiven gerade auch in den Köpfen junger Menschen stecken. Darum hat sich der Werra-Meißner-Kreis eben auch auf den Weg gemacht, in Bildung und in soziale Infrastruktu­ren zu inves­tieren, um hiermit ein Lebensumfeld zu schaffen, dass es jungen wie alten Menschen erlaubt, hier zu leben und ihre Perspektiven zu sehen. Die politisch Verantwortlichen des Werra-Meißner-Kreises haben in den vergan­genen 4 Jahrzehnten immer wieder darauf hin­gewirkt, dass mit großer Spar­samkeit und großer Disziplin dennoch vieles er­reicht werden konnte. Ich möchte Ihnen Zahlen ersparen über beispielsweise die Investitionen, die der Werra-Meißner-Kreis im Laufe der letzten 40 Jahre getätigt hat. Ich möchte Ihnen auch ersparen die Zahlen über die Haushalts­defizite, die wir immer wie­der hinnehmen mussten. Wichtig ist, dass auf der einen Seite wir feststellen kön­nen, dass eine intakte Infrastruktur unserer aller Aufmerksamkeit, aber auch unser aller Pflege, bedarf, zugleich aber auch Nutzen stiftet, den wir würdigen sollten. Dazu bedarf es ganz vieler Netzwerke, die wir ebenfalls auf­gebaut haben. Ob das unsere Nachbarlandkreise sind, über deren An­wesen­heit ich mich heute besondere freue, ob das eine Vielzahl von Organisationen, von übergeordneten Behörden sind, ob das die Vielzahl von Vereinen ist, ob das die sozialen Netzwerke sind, die aufgebaut werden konnten. All sie tragen dazu bei, dass wir uns heute gemeinsam darüber freuen sollten, etwas er­reicht zu haben, nämlich eine Region, auf die man schaut, auf einen Land­kreis, der wahrgenommen wird, auf einen Landkreis, der bei aller Vielfalt trotz­dem eine Einheit bietet und bei aller Größe trotzdem auch ein kleiner ge­blie­ben ist. Ist es nicht ein besonderes Merkmal, wenn sich die Menschen ken­nen? Ist es nicht eine besondere Fügung, wenn man viele mit Namen kennt, sie ansprechen kann und sich dabei auch wohl­fühlt. Ist es nicht ein besonde­rer Verdienst, dass auch kleine Einheiten, wie die kreisangehörigen Städte und Gemeinden, in ihrer Vielzahl existie­ren können und wir damit nicht wett­bewerblich gegeneinander, sondern miteinander ver­suchen, diesen Werra-Meißner-Kreis zu gestalten. Ich finde, ja und ich finde auch, wir sollten daran weiter arbeiten und nicht nachlassen. Wir alle sind auf­gefordert, die Perspekti­ven und damit die Schönheiten dieses Kreises nach vorne zu tragen. Wir alle sind aufgefordert, als Multiplikatoren positives nach außen zu bringen und sich nicht zu ergötzen an den Dingen, die uns nicht so gefallen, die schlecht sind oder auch noch nicht so entwickelt, dass wir damit zufrieden sein können. Kleine Land­kreise haben nach meiner festen Überzeu­gung, wie der ländliche Raum insgesamt, eine Zukunftsperspektive. Historisch betrachtet gab es im­mer die Wechselwirkung zwischen Stadt- und Landflucht und es wird auch wieder Veränderungen geben, dass sich die Menschen da­nach sehnen, Ruhe, die notwendige Gelassenheit, aber auch die Schönheiten des ländlichen Raums stärker zu antizipieren. Dies ist eben auch ein Auftrag, geschaffene Infrastruktur zu erhalten und sie nicht einem Spardiktat zu opfern, die nur dazu führen, dass Verschlechterungen eintreten, Menschen sich noch weniger wohlfühlen und von daher mit Abwanderungsgedanken gespielt wird.

Ich möchte nur skizzenhaft einige wenige Punkte benennen, die für die Zu­kunft wichtig sind:

Die finanzielle Grundausstattung der kommunalen Ebene ist eine Grund-voraussetzung. Selbstverständlich sind wir bereit, viele Aufgaben zu schultern und gut zu erledigen. Wenn eine Verlagerung von oben nach unten erfolgt, so machen wir das gern, weil wir näher an den Menschen sind. Die finanziellen Mittel dazu müssen aber gewährt werden, weil es unmöglich ist, denen, die schon wenig haben, noch mehr wegzunehmen.

Wir haben eine soziale Infrastruktur für Jung und Alt in den letzten Jahren auf­gebaut, die beispielgebend ist. Ob das die Versorgung der ganz Kleinen in den Kitas ist, die ausgezeichnete Bildungslandschaft oder auch die Betreuung und Versorgung unserer älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger. Diese Struktur bietet Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und schlicht Heimat, die zu erhalten gilt.

Die wirtschaftliche Benachteiligung ist verschärft worden, allein schon dadurch, dass öffentliche Einrichtungen in den letzten 15 Jahren in großer Zahl abgezogen wurden.

Nun ist auch mir bewusst, dass Bundeswehrstandorte inmitten des Landes aus strategischer Sicht nicht viel bringen und der Auftrag der Bundeswehr nicht in strukturpolitischen Aufgaben zu sehen ist. Dennoch muss über Aus­gleiche nachgedacht werden, dürfen nicht ständige Zentralisierungen, auch von Landesbehörden, dazu führen, dass eine Region ständig Arbeitsplatzabbau zu verkraften hat. Auch dürfen die bisherigen Förderrelevanzen nicht so bleiben wie sie sind. Die Verteilung muss nach Strukturdaten und den verfassungs­rechtlichen Auftrag der Schaffung annähernd gleicher Lebensverhältnisse er­folgen, nicht aber darf der Wettbewerb der Region untereinander zu verstärk­ten Wanderungsbewegungen von Arbeitsplätzen innerhalb eines Landes füh­ren.

Der ländliche Raum spielt bei der Gestaltung und vor allem Gewinnung einer nach­haltigen und zukunftsfähigen Energiepolitik eine ganz große Rolle.

Dafür müssen die Menschen sensibilisiert werden und dafür gewonnen wer­den, nicht aber durch Abschreckung und zu geringe Anreize in eine Abwehrhaltung gebracht werden.

Verkehrliche Infrastrukturen sind ein unabdingbarer Bestandteil des ländlichen Raums. Daher muss Mobilität in seiner Individualität aber auch Kollektivität gleichermaßen gefördert werden.

Verwaltungsstrukturen in der heutigen Zeit bedingen, dass sie vom Bürger ak­zeptiert und vor allem schnell erreicht werden. Daher sind schnelle Netze für das Internet unverzichtbar. Es kommt dann auch nicht mehr so sehr darauf an, wo der Verwaltungsmitarbeiter seinen Sitz hat. Dennoch bedarf es wohnort­naher effizienter Strukturen. Dass wir dabei über eine engere Verzahnung und Verknüpfung einzelner Gebietskörperschaften nachdenken müssen, ist kein Geheimnis.

Der Werra-Meißner-Kreis hat sich mit seinen Landräten Eitel O. Höhne und Dieter Brosey immer der Sparsamkeit einerseits, aber auch der Bürgernähe andererseits, verpflichtet gefühlt. In dieser Tradition wähne ich auch mich und unser Auftrag war und ist, Strukturen zu erhalten, anzupassen und den Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein.

Ich bin sicher, dies ist in den letzten 40 Jahren sehr gut gelungen und wird auch in der Zukunft so sein.

Ich sage allen, die in den letzten 40 Jahren Verantwortung übernommen ha­ben an ganz vielen unterschiedlichen Stellen, in der Kommunalpolitik, in den Vereinen, in den Verbänden, in den Behörden und Organisationen, ein ganz herzliches Danke­schön dafür, dass Sie mit uns und wir gemeinsam diesen Weg gehen konnten und damit unsere Zukunft selbst gestaltet haben. Dies wollen wir auch zukünftig gemein­sam so tun und in einer Freundschaft und kollegialen Art und Weise miteinander um­gehen. Und somit soll auch das gel­ten, was bereits am 29. Juni 1821 per Verordnung den Kurhessischen Staaten mit auf den Weg gegeben wurde. Ich zitiere: „In der Überzeugung, dass bei der von uns beabsichtigten Beförderung der wahren Wohl­fahrt unseres Lan­des alle unsere verschiedenen Staatsbehörden nach dem vollen Maße ihrer Kräfte uns zu unterstützen, erst als dann vermögen werden, wenn der Wir­kungskreis einer jeden Stelle völlig deren Bestimmung entsprechend gebildet, der Ge­schäftsgang einfach und für jeden Verwaltungszweig gleichförmig auf die Lei­tung aus einem die Übersicht des Ganzen gewährenden Zentralpunkte mög­lich gemacht sein wird, haben wir eine neue Organisation der Staatsver­wal­tung beschlossen und verordnen zu dem Ende wie folgt.“ Genau unter die­sen Perspektiven, wie damals die Weitsicht unseres großen Kurfürsten schon war, gilt es eben in dieser Einheit und Gleichmäßigkeit, auch mit kleinen Ein­heiten voranzukommen und die Zukunft zu ge­stalten. Dies ist unser Auftrag, dazu wollen wir heute einen Zwischenschritt tun, in­dem wir uns daran erin­nern, wie die letzten 40 Jahre gestaltet werden konnten und wie wir Dank sa­gen all de­nen, die daran beteiligt waren.

Lassen Sie uns heute und in diesem Jahr an den unterschiedlichsten Stellen mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen uns einmal selbst feiern. Feiern, weil wir es uns ver­dient haben, dass wir hier eine großartige Region haben, groß­artige Menschen, die sich verstehen und wissen, wie wir miteinander le­ben wollen. Genau in dieser Per­spektive und diesen demokratischen Grunds­ätzen wollen wir auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte unseren Werra-Meißner-Kreis und unsere Heimat voranbrin­gen.

Mein Dank gilt vor allem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisver­waltung und unseren politischen Gremien.

Die Rahmen, die gesetzt wurden durch die Politik, haben wir ausgeführt und auf der Grundordnung der Gesetze eine bürgerfreundliche und an vielen Stel­len pragmatische Verwaltung geschaffen. Der hohe Grad der Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber hat weit mehr Leistungen hervorgerufen, als bezahlt wurden bzw. bezahlt werden könnten.

Dies gilt es auch, deutlich zu betonen, dass sie alle auf die Mitarbeiter der Kreisverwaltung stolz sein dürfen, was hier – unter nicht leichten Rahmen­bedingungen – alles geschaffen wird. Als Dienststellenleiter bin ich es und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit.

Dazu lade ich Sie alle herzlich ein und bedanke mich, dass Sie heute zu unse­rer Feier­lichkeit gekommen sind.